Die Stufen 11 und 12 erleben Klaus Manns „Mephisto“ im Theater Koblenz
Am Mittwochmorgen, dem 04.02.2026, besuchten die Stufen 11 und 12 die theatrale Adaption von Klaus Manns „Mephisto“ im Theaterzelt auf dem Plateau der Festung Ehrenbreitstein. Der Roman erzählt vom Schauspieler Hendrik Höfgen, der in den Jahren des Aufstiegs des Nationalsozialismus Karriere macht, indem er sich Schritt für Schritt dem Regime anpasst.
Damit die Schüler*innen dem Stück nicht als bloße Zuschauer*innen begegnen, hatte unsere Schule bereits im Vorfeld besonderen Besuch: Anne Riecke, leitende Theaterpädagogin des Theaters Koblenz, war an zwei Tagen bei uns zu Gast und eröffnete den Lerngruppen einen kreativen Zugang zur Inszenierung. In spielerischen Übungen wurden Figuren nicht nur besprochen, sondern ausprobiert: Welche Konflikte treiben sie? Wo kippt ein Kompromiss ins Mitmachen? Und wann wird aus dem Wunsch dazuzugehören ein blinder Fleck?
Im Mittelpunkt standen dabei Fragen nach politischer Beteiligung und persönlicher Verantwortung – und vor allem nach dem Mechanismus, den „Mephisto“ so präzise offenlegt: dem Karrierismus im Tausch gegen Gewissen. Besonders beschäftigt hat die Jugendlichen eine zugespitzte Frage aus dem Roman: Soll man sich mit seinem Todfeind einen ganzen Abend lang an den Tisch setzen? In dieser Zuspitzung steckt viel Gegenwart. Denn auch heute erleben junge Menschen Situationen, in denen man „strategisch“ sein soll, nicht anecken darf, die eigene Meinung lieber abwägt – im Freundeskreis, in Gruppen, online. „Mephisto“ macht daraus eine Zumutung: Was kostet es, wenn man immer nur mitläuft?
Auch die Frage, was Theater darf, kann oder sogar muss, wurde im Workshop aufgeworfen. Gerade weil öffentliche Debatten oft schnell in Lager kippen, kann die Bühne ein Ort sein, an dem man Ambivalenzen aushält – und dadurch klarer sieht. „Mephisto“ bietet keine bequemen Antworten. Es zeigt, wie Verführung funktioniert: durch Anerkennung, durch Versprechen, durch Türen, die plötzlich aufgehen. Und es zeigt, wie autoritäre Dynamiken nicht nur von oben kommen, sondern auch durch Anpassung, Schweigen und Wegsehen wachsen.
Dass der Roman trotz seiner 90 Jahre so aktuell ist, sagt viel über unsere Zeit. Mit Blick auf politische Entwicklungen – etwa in den Vereinigten Staaten – stellt sich erneut die Frage, wie faschistoide Strukturen entstehen und welche Verantwortung der Einzelne in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung trägt. Beeindruckt hat neben der Aktualität des Stoffs dabei auch die Inszenierung selbst – und zwar gerade dort, wo sie sich auf das Nötigste beschränkt. Das minimalistische Bühnenbild mit einem beleuchteten, drehbaren Rahmen sorgte nicht nur für spürbare Dynamik und gab den Szenen immer wieder buchstäblich einen „Rahmen“, in dem starke Bilder entstehen konnten. Es spiegelte zugleich auf eindrückliche Weise das zentrale Motiv der Wandelbarkeit: So wie sich der Rahmen ständig dreht und neu ausrichtet, so richtet sich auch Hendrik Höfgen immer wieder neu aus – opportun, glatt, anpassungsfähig. Das Bühnenbild machte die Frage nach Verantwortung so quasi „sichtbar“: Was bleibt von einer Haltung übrig, wenn man sich ständig „nur ein bisschen“ mitdreht?
So gingen am Ende tatsächlich alle mit viel Diskussionspotenzial nach Hause – nicht nur über Figuren, Schuld und Mitläufertum, sondern auch über die Mittel des Theaters selbst: darüber, wie eine reduzierte Bühne komplexe politische und moralische Dynamiken sichtbar machen kann und warum „Mephisto“ gerade in dieser konzentrierten Form so nah an der Gegenwart bleibt.
„Wenn man sich ganz, ganz still verhält, kann einem ja wohl nicht viel passieren“ – der Aufstieg eines Opportunisten








